"Das letzte halbe Jahr war nicht so schön"

Nach fünfjähriger erfolgreicher Tätigkeit gibt Roland Gerhardt (56) im Sommer das Traineramt beim Gruppenligisten SG Nieder-Roden ab, wie die Sportgemeinschaft bereits Anfang März mitteilte. Nachdem die Nieder-Rodener am ersten Spieltag des Jahres (7./8. März) spielfrei waren, stand Gerhardt aufgrund der Coronakrise in diesem Jahr noch überhaupt nicht in einem Pflichtspiel an der Seitenlinie.

Herr Gerhardt, die Chance auf eine Abschiedstour durch die Gruppenliga, immerhin standen noch 13 Punktspiele aus, wurde Ihnen durch die Coronakrise genommen. Wie empfinden Sie die derzeitige Situation?

Derzeit vermisse ist es nicht, dass ich unter der Woche dreimal auf dem Platz stehen muss. Aber mir fehlt das Prickeln, am Wochenende ein Spiel anschauen zu können und auch ein wenig Dampf ablassen zu können. Wir wissen nicht, wie es in dieser Saison noch weitergeht, es ist in keine Richtung eine Entscheidung gefallen. Das ist schon ein blödes Ende meiner Trainertätigkeit bei der SGN, aber das kann ich nicht ändern.

Blicken Sie doch einmal auf die vergangenen fünf Jahre bei der Sportgemeinschaft zurück…

Da haben schon einige gestaunt, als ich 2015 bekannt gab, die TSG Neu-Isenburg, seinerzeit Tabellenführer in der Kreisoberliga, verlassen zu wollen und zum Absteiger nach Nieder-Roden zu wechseln. Die SGN war damals am Boden, Patrick Ott und ich haben uns gesagt: Wir müssen die SGN retten. Zum Glück haben kamen aus dem Umfeld ehemalige Spieler dazu, die mitgeholfen haben. Dank unserer guten Kontakte hatten wir ein gutes Team und haben die Mannschaft wieder nach oben geführt. Sensationell war das eine Jahr in der Kreisoberliga. In Nieder-Roden hat sich wieder etwas entwickelt. Wir hatten in dieser Zeit auch nur wenige Spieler, die uns verlassen haben. Das ist der Nachteil, wenn man erfolgreich spielt und zweimal aufsteigt. Man verliert einige tolle Jungs, weil sie es sportlich nicht schaffen. Die ersten vier Jahre in Nieder-Roden waren toll, das letzte halbe Jahr war jedoch nicht so schön.

Wieso das?

Es herrschte in vielen Bereichen Unzufriedenheit, war ich nicht verstehen und nachvollziehen kann. Es wurde viel negative Stimmung hereingetragen, auch was meine Person betrifft. Sportlich war die Saison aber okay. Wir müssten allerdings fünf, sechs Punkte mehr haben, aber die vielen Verletzungen haben uns zurückgeworfen. Wir hatten von Saisonbeginn an viele Ausfälle zu beklagen. Die Krönung erfolgte im Februar, als sich im Testspiel gegen Viktoria Urberach binnen zehn Minuten beide Torhüter verletzten. Insgesamt war es in Nieder-Roden aber eine schöne Zeit, die viel Spaß gemacht hat.

Sie haben nicht nur die SGN trainiert, sondern davor auch die TSG Neu-Isenburg, den TSV Dudenhofen, Kickers Obertshausen, den FC Dietzenbach und auch die Jugend der Offenbacher Kickers. Wie war das damals beim OFC, ein Nachwuchsleistungszentrum gab es ja noch nicht?

Die ersten beiden Jahre waren aus finanzieller Sicht schlimm, für die Jugend gab es kaum Unterstützung. Aber wir waren wie eine große Familie, alle haben sich gegenseitig geholfen und unterstützt. Geld war damals nicht so wichtig. Das war viel Arbeit, aber wir haben den OFC-Nachwuchs salonfähig gemacht.

Sie waren mit Ihren Mannschaften sehr erfolgreich…

Mit der B-Jugend habe ich vier Jahre lang in der Regionalliga gespielt, der damals höchsten Spielklasse. Mit der A-Jugend gehörten wir zu den Gründungsmitgliedern der Bundesliga. Nach zwei Monaten habe ich aus familiären Gründen aber aufgehört, ich habe meinen kleinen Sohn damals kaum noch gesehen. Mein letztes Spiel mit dem OFC war gegen den VfB Stuttgart. Wenige Wochen später hat sich dann der FC Dietzenbach auf der Suche nach einem neuen Trainer bei mir gemeldet.

Sie haben beim OFC einige bekannte Spieler in der Jugend trainiert…

Christian Müller hat später für den OFC in der 2. Liga gespielt und zuletzt bei RB Leipzig ehe er sich schwer verletzte. Daniele Fiorentino spielte ebenfalls ein paarmal für den OFC in der 2. Liga. Stanko Pavlovic war eine Granate, ich weiß nicht, ob sein Wechsel damals nach Eschborn eine gute Entscheidung war. Dazu kommen noch Oualid Mokhtari, Christian Pospischil und Ex-Eintracht-Profi Mounir Chaftar.

Sie waren sogar mal in Unterfranken tätig….

Das war während meiner Zeit als Trainer bei der B2 der Kickers. Jochen Krapp aus Dudenhofen hat damals bei Viktoria Aschaffenburg gespielt und das eingefädelt. Ich habe für zwei Monate die zweite Mannschaft übernommen und bin mit ihr als Kreisliga-Zweiter über die Relegation aufgestiegen. Ich habe auch für die zweite Mannschaft gespielt und bin im Pokal sogar einmal in der ersten Mannschaft der Viktoria mit Andreas Griesenbruch und dem ehemaligen Zweitliga-Trainer Tomas Oral zum Einsatz gekommen.

In Nieder-Roden haben Sie mit vielen jungen Spielern gearbeitet. Was hat sich im Vergleich zu früher geändert?

Die Einstellung, gerade im Amateurbereich. Früher war Fußball das, was wir alle gemacht haben. Heute haben die Jungs viel mehr Möglichkeiten und nehmen den Fußball nicht mehr so ernst wie früher. Abitur, Studium, wie geht es weiter. Das sind Dinge, die beschäftigen junge Spieler heute – durchaus zurecht. Für sie soll Fußball heute Spaß machen und ein Ausgleich sein. Dass ist auch einer der Gründe, warum viele Trainer heute scheitern, wenn sie aus höheren Klassen kommen und eine Amateurmannschaft übernehmen, die Erwartungen sind oft viel zu hoch. Ich habe selbst viele Jahre im Amateurbereich gespielt und kann mit vielen Sachen besser umgehen.

Sie haben gesagt, wenn das Angebot passt, würden Sie auch nochmals eine Mannschaft übernehmen. Was wäre denn ein passendes Angebot?

Es muss einfach vom Gefühl her stimmen. Wenn nichts kommt, geht die Welt auch nicht unter.

Und bis dahin Sind sie in der sportlichen Leitung der SGN aktiv?

Gemeinsam mit Patrick Ott habe ich dafür gesorgt, dass die Mannschaft für die kommende Saison steht. Die Spieler bleiben alle, einzig Torhüter Marco Piesker verlässt uns, er zieht aus familiären Gründen in die Wetterau. Alles andere muss man mal abwarten.

Und wie geht es aktuell weiter?

Mit Blick auf die aktuelle Entwicklung in der Coronakrise denke ich nicht, dass ich in Nieder-Roden noch einmal auf der Bank sitze.