(2) Sensationsgier

Eigentlich hatte ich ein sehr entspanntes Wochenende geplant. Der SC Hessen Dreieich sollte heute (Samstag) in der Regionalliga Südwest in Pirmasens spielen. In der Pfalz, der Heimat meiner Lebensgefährtin. Also haben wir bereits am Freitag unsere Sachen gepackt und sind Richtung Südwesten gefahren. Heimaturlaub mit Fußball garniert.

Nach der Übernachtung in einem alten, stillgelegten Bahnwärterhäuschen erfolgte am Samstagmittag ein folgenschwerer Anruf: Das Spiel des SC Hessen fällt nach einem Verkehrsunfall, der sich auf dem Weg zum gemeinsamen Treffpunkt der Dreieicher Kicker ereignete, aus. Ein Spieler soll an dem Unfall beteiligt gewesen sein. Krass, da fährt einem der Schreck in die Glieder, hoffentlich ist nichts Schlimmeres passiert.

Als erstes informiere ich meine Lebensgefährtin: „Schatz, ich fahre nicht ins Stadion, das Spiel fällt aus.“ Dann eine Mail an den Sportchef: „Chef, ich fahre nicht ins Stadion, das Spiel fällt aus.“ Und ein Anruf beim Kollegen, der die aktuellen Fußball-Seiten für Montag plant: „Kollege, ich fahre nicht ins Stadion, das Spiel fällt aus.“ Dann schreibe ich ein paar Zeilen für unsere Online-Redaktion.

Und dann kommt der Punkt, an dem ich mich anfange, über meinen Job zu ärgern, weil für viele Journalismus heutzutage nur noch aus Sensationsgier besteht. Ein Nachrichtendienst veröffentlicht just in dem Moment, in dem ich meine Mail an die Online-Redaktion abschicke, die Meldung über den Spielausfall aufgrund eines Unfalls. Inklusive Name des beteiligten SC-Spielers, mit Foto natürlich. Kurz darauf wird der Text das erste Mal geändert, eineinhalb Stunden später das zweite Mal. Weil schlecht recherchiert. Hauptsache, mal was rausgehauen und damit Leser auf die Seite gezogen. Andere Online-Redaktionen und Sportportale springen auf, übernehmen Teile der Meldungen inklusive Rechtschreibfehler. Und aufgebauscht wird das Ganze natürlich auch, aus dem Verkehrsunfall wird ein Crash, hört sich auch dramatischer an. So manches Mal schäme ich mich für meine Zunft.

SC Hessen-Trainer Rudi Bommer sagt das einzig Wahre: „In solchen Situationen rückt der Fußball für einen Moment in den Hintergrund. Wir wünschen den Unfallbeteiligten eine rasche und vollständige Genesung.“ Recht hat er. Das Spiel übrigens wird am Dienstag nachgeholt. Unter der Woche abends – das wird garantiert nicht entspannt.